Schwurbeldeutsch – das Narrativ

Megaphon-Narrativ-Schwurbeldeutsch

Kann eine Sprache Charakterstärke haben? 

Zum Glück ist Sprache ja kein starres Konstrukt, sondern ein lebendiges Wesen, das sich ständig verändert und neue Charakterzüge entwickelt. Genauso wie sich das Leben verändert und neue Gewohnheiten hervorbringt, so entwickelt sich auch der Sprachschatz. Ein neuer Sprachcharakter entsteht. Und wie das mit dem Charakter so ist, kann der ja auch mal stark und mal schwach sein. Die Schwachstelle der deutschen Sprache liegt im mangelnden Selbstbewusstsein. Wenn aktiv plötzlich proaktiv heißt, zeigt sich Charakterschwäche. Weil das schlichte Wort nicht mehr ausreicht und Steigerungen gesucht werden. Wörter werden aufgebläht und verbrämt. Ich finde, dass diese Verbrämungen meist nur ablenken und das, was deutlicher werden sollte, verschleiert wird. Was sich aber ganz besonders unangenehm anfühlt: Ich bin verunsichert, wenn ich Wörter nicht kenne oder erkenne. Denn ehrlich: wer weiß genau, was proaktiv bedeutet? Es heißt nichts anderes, als etwas aktiv mit einem Plan zu tun.  

Gehen wir es doch mal proaktiv an 

„Es zeigt sich: Ein Thema proaktiv anzugehen, ist noch viel effektiver."

Frankfurter Rundschau online, 14. Dezember 2018

Hätte die Aussage, ein Thema aktiv anzugehen, eine schwächere Wirkung? Mich stört grundsätzlich alles, was aufgeblasen und künstlich wirkt. Deshalb sortiere ich das Wort „proaktiv" in meine Schachtel mit der Aufschrift „Schwurbeldeutsch" ein und aus meinem Sprachschatz aus. Aber da war es ohnehin noch nie drin.

Das Modewort Narrativ – mehr als nur eine Geschichte? 

Die Autoren Valentin Sagvosdkin und Hannes Böhm schreiben in ihrem Essay „Narrative und Szenarien der Nach-Corona-Welt" darüber, wie jetzige Erzählungen den Fortgang unserer Gesellschaft bestimmen werden. Aha. Dieser Titel lässt mich schon einmal ratlos dastehen. Habe ich was verpasst? Bin ich doof? Finde den Fehler.

Ich verdiene mein Geld damit, komplizierte und erklärungsbedürftige Produkte oder Dienstleistungen leicht verständlich darzustellen. Das machen Werbetexter so. Vielleicht habe ich auch deshalb eine körperlich spürbare Ablehnung solcher Modewörter entwickelt. In meiner Bauchgegend zieht sich etwas schmerzhaft zusammen, wenn ich proaktiv, Narrativ oder auch Diskurs lese. Es sind Wörter, die überflüssig sind und mehr Schein als Sein vorgaukeln.

Mein Credo ist: „Sag es einfach". Das Einfache ist aber leider meist das Schwerste. Ich bin ein grundehrlicher Mensch. Ich spüre sofort, wenn jemand etwas vortäuschen möchte. Und dann zieht es sich in der Bauchgegend sauer zusammen. Es wird unangenehm da drinnen. Um diesem scheußlichen Gefühl zu entgehen, empfehle ich, einfach zu schreiben. Benutzen Sie ehrliche, einfache Wörter, die genau das ausdrücken, worum es geht: eine Geschichte erzählen, aktiv etwas angehen oder miteinander reden, statt sich im Diskurs zu verheddern.

Schlimmer geht immer: das Ur-Narrativ 

Ich kann verstehen, dass Vielschreiber, wie Redakteure und Journalisten, ständig auf der Suche nach Einzigartigkeit sind. Ich habe viele Jahre Produktbeschreibungen für Modekataloge geschrieben. Nach 15 Jahren hatte ich das Gefühl, ich schreibe nur noch bei mir selbst ab. Jede feminine Nahtführung war bereits hundertmal beschrieben, die liebevollen Stickereien konnte ich schon nicht mehr hören. Ich kenne also das Problem. Und ich bleibe doch dabei: Schreib es einfach! Das erhöht die Chance, verstanden zu werden, gewaltig. Schwurbeldeutsch macht nur Ärger.  

Das Ur-Narrativ des Kapitalismus 

In der WirtschaftsWoche* schreibt Ferdinand Knauß über das Ur-Narrativ des Kapitalismus. Es hätte auch einfach heißen können: Wie der Kapitalismus begann. Mich zieht so eine einfache Formulierung mehr an, wie geht es Ihnen damit?

Ein Beispiel habe ich noch und dann höre ich auch wirklich auf damit. Aber es ist so unglaublich unfassbar, dass ich es noch bringen muss. Gefunden habe ich es in der taz, die ich sonst sehr schätze. In der Rezension zu Maggie O'Farrels Roman „Judith und Hamnet" steht zu lesen: „Neben ihr verblasst der junge Ehemann nicht nur deswegen, weil er sich meist außerhalb des narrativen Fokus aufhält." Hätte ja auch heißen können: „ ... weil wenig über ihn erzählt wird." Aber das wäre dann halt auch ganz einfach gesagt.

*Der Großbuchstabe mitten im Wort ist mir übrigens auch ein großer Dorn im Auge. Das gehört für mich ebenfalls in die Abteilung „ÜberDeutlich". Mich beschleicht da immer das Gefühl, halten die mich für blöd, dass ich das Wort Wirtschaftswoche nicht lesen kann?

Kommt Narrativ von Narr? 

Obwohl der übermäßige Gebrauch des Wortes Narrativ es nahelegen könnte, hat das Narrativ nichts mit dem Narr zu tun. Laut Duden gibt es zwei Bedeutungen für Narrativ:

  1. Das Narrativ, eine sinnstiftende Erzählung. Wobei mir nicht ganz klar ist, was eine sinnstiftende Erzählung ist.
  2. Der Narrativ, Erzählkasus in kaukasischen Sprachen, Erzählmodus in baltischen Sprachen. 

Es ist also so etwas wie Genitiv oder Dativ. Ein Narr also, wer mit dem Erzählkasus eine sinnstiftende Geschichte erzählen möchte, oder wie? Ich versteh's einfach nicht. Ich bleibe dabei, ich sag's einfach.  


Das Wort des Jahres 2020: Corona-Pandemie

Ähnliche Beiträge

By accepting you will be accessing a service provided by a third-party external to https://lisafenger.de/

© 2017-2021 Verbalissima